URGESTEIN VOM MILLERNTOR

Wie es halt manchmal so ist, ich habe schon von ihm gelesen, gehört und sogar mal mit ihm telefoniert ohne zu wissen wer er ist, St. Pauli-Urgestein Sven Brux. Es gibt ein Ölgemälde von ihm, dass Don Chaos De La Nada gemalt hat und ihn mit Hansa-Pils-Dose, APPD-Aufnäher und Stachelfrisur zeigt und er hat die Fanfreundschaft zwischen Pauli und Celtic angeschoben. Er bekleidet heute das Amt des Sicherheitsbeauftragten und scheint St. Pauli schon ewig treu zu sein. Auch wenn das Ox-Zine schon ein Interview mit ihm gemacht hat, ich wollte mein eigenes. Mit einiger Verspätung meinerseits nun also endlich auch hier…Let´s go!

Sven, gib doch mal eine kurze Einordnung: wo kommst du ursprünglich her, wo hast du deine Jugend verbracht?

Ich bin 1966 in Brühl geboren und aufgewachsen, das liegt vor den Toren Kölns. Dort habe ich dann auch gewohnt, bis ich mit 19 zuhause rausgeflogen bin. Ab so ca. 15/16 hab ich meine Zeit aber vornehmlich in Köln verbracht.

Wie und wann bist du das erste Mal mit dem Virus Punk in Berührung gekommen? Ich habe Bilder auf „punkfoto.de“ gesehen die dich auf den Chaostagen in Hannover zeigen?!

Das muss so ca. 1980 gewesen sein. Wir hatten in unserem Jugendzentrum immer so Discoabende und eines Tages war eine Gruppe Schüler aus unserer englischen Partnerstadt zu Gast. Einer von den Jungs gab dann eine auffällig neongelbe Platte beim DJ ab und wünschte sich offensichtlich etwas. Es erklang also ein Song der „Never mind the bollocks“ LP der Sex Pistols und die Engländer hüpften wie wild durch den Saal, rempelten sich an etc. Das hat mich und paar andere voll geflasht, so geil war das. Bin dann in der Folgewoche gleich zu Saturn nach Köln und hab mir mein ersten drei Punkplatten gekauft: 1 x Pistols, 1 x Dead Kennedys und 1 x Hansaplast.

Chaostage waren dann ja später. Ja ich bin zu allen 80-er Chaostagen gereist, die ersten im Dezember 82 und dann noch mal in den Sommern 83 und 84. Das war klasse, wenngleich sie mir auch eine Strafanzeige etc. einbrachten…

m_punk_photo_unknown_1981_221

Wie und wann bist du von da aus zu St. Pauli gekommen, wie fing das damals an?

Ich habe ab 1985 in Bonn gewohnt und nach der Musterung und der Kriegsdienstverweigerung stand der Zivildienst an, damals noch 20 Monate. Da es in Bonn für mich etwas heiß wurde (wir hatten da so einige Probleme mit der Polizei…), lag der Gedanke nahe, den Zivildienst in einer anderen Stadt zu verbringen. Also kümmerte ich mich darum und landete ab Dezember 86 im Seemannsheim am Michel. Während dieser Zeit fing ich an, mit einigem Kollegen aus der Punkszene zum benachbarten FC St. Pauli zu gehen. Hört sich heute nichtssagend an, aber für die damalige Zeit war es doch sehr ungewöhnlich, dass Punks zum Fußball gehen, da dies in den allermeisten Stadien gleichbedeutend mit einem Suizidkommando war. Klar, angesichts der damals vorherrschenden Dominanz von Rechtsradikalen und/oder Hooligans. Aber eben nicht beim FC St. Pauli, zumindest nicht so krass…

War deine erste Zeit bei Pauli noch ohne das Totenkopf-Banner?

Ja klar, damals gab es als Merchandise ja gar nichts und irgendwann hat Doc Mabuse (ein Bewohner der damals noch besetzten Häuser in der Hafenstraße) im Suff ne Totenkopffahne auf´m Dom geklaut und beim nächsten Spiel einfach mitsamt Besenstiel mitgeschleppt.

Wie sah die Szene damals aus und was hat dich daran so fasziniert?

Hmm, von einer richtigen Szene im Stadion konnte zu Anfang, also so 87/88 irgendwie noch nicht die Rede sein. Hinter den Trainerbänken an der Gegengeraden trafen sich halt bei jedem Spiel so ca. 50 Leute aus dem sog. „schwarzen Block“. Damit wurde alles bezeichnet, was so aus dem Dunstkreis Punk, besetzte Häuser und Antifa kam. Es gab aber keinerlei Organisation, Kommunikationsmittel oder so was. Man ging hin, trank Bier, kiffte und guckte Fußball. Wie (fast) alle anderen im Stadion auch. Faszinierend war höchstens, wie oben schon erwähnt, dass man überhaupt zum Fußball gehen konnte, ohne nennenswerten Stress befürchten zu müssen. Das ging dann alles erst los, als wir anfingen, auch auswärts zu fahren und als die deutsche Hoolszene mitbekam, dass es bei St. Pauli (ab 88 in der ersten Bundesliga!) eben diese Szene gab und begann, uns und unsere Häuser/Strukturen anzugreifen. Aber sich meist ne fette Packung holten 😉

m_punk_photo_unknown_1982_478

Ab wann hast du angefangen dich aktiv in der Szene zu engagieren und warum?

Der damalige Präsident Heinz Weisener plante den Bau eines neuen Stadions an gleicher Stelle. Dieses Stadion hätte aber alles zerstört, was uns gefiel, da es ein großes All-Seater-Stadion mit integriertem Hotel etc. werden sollte. Neben dem Verlust an Fankultur drohte auch eine Umwandlung des benachbarten Stadtteils (die Bezeichnung Gentrifizierung gab es noch nicht) und somit entstand eine Protestbewegung gegen diese Neubaupläne, bestehend je zur Hälfte aus Anwohnern und Fußballfans (wobei viele natürlich sowohl das eine als auch das andere waren). In dieser Gruppe war ich eben auch aktiv. und nach vielen, teils Aufsehen erregenden Aktionen, die es im Fußballzusammenhang noch nie gegeben hatte (Demos, Schweigeprotest im Stadion etc. pp.), wurden die Neubaupläne beerdigt

Wie genau hat das damals ausgesehen?

Wir haben viele, teils Aufsehen erregende Aktionen, die es im Fußballzusammenhang noch nie gegeben hatte (Demos, Schweigeprotest im Stadion etc. pp.) organisiert, die auf großen Widerhall auch bei den anderen Besuchern im Stadion stießen. Das war aber auch gleichzeitig der Beginn einer Zusammenarbeit von Leuten, die sich zuvor mit´m Arsch nicht angeguckt hatten. Wir als Punk- und Politaktivisten wussten natürlich, wie man Flugblätter schreibt, Demos organisiert etc. und nahmen von daher eine Vorreiterrolle im Kampf gegen den Stadionneubau ein. Viele mehr aus ganz anderen gesellschaftlichen Schichten schlossen sich dem an und schlussendlich haben die kanadischen Investoren den Schwanz eingezogen und wir hatten gewonnen. Aus den fußballaffinen Resten der Anti-Sport-Dome-Initiative entstand dann unser erstes Fanzine, der Millerntor Roar!, welches ab Juli 89 erschien.

Ich habe deinen Namen schon in alten Fanzines, wie dem Kruzefix, gelesen. Dann das Bild von Don Chaos, die Fanfreundschaft mit Celtic, Chaostage…gibt es etwas das du nicht gemacht hast? Du scheinst echt aktiv gewesen zu sein, wie hast du das alles geschafft?

Naja, wie viele andere Aktivisten halt auch. Mir war es nie genug, nur Bier trinkend am immer gleichen Platz rumzuhängen. Ich fand es klasse, herumzureisen, neue Leute kennen zu lernen, sich zu vernetzen, tausende Bands zu sehen usw. Wobei man natürlich berücksichtigen muss, dass es damals bis auf Telefon und Brief keine Kommunikationsmöglichketen gab. Es blieb einem also nichts anderes übrig, als seinen Hintern zu bewegen und in der Gegend herum zu fahren. Da man aber wusste, wo in welcher Stadt die Szenetreffpunkte waren, dauerte es auch nie lange, bis man entsprechende Kontakte fand.

Ab wann hast du angefangen Ämter o.Ä. in Fangruppen bzw. dem Verein anzunehmen und wie kam es dazu?

Kurz nach Erscheinen der ersten Ausgaben des MR! Gab es eine Diskussionsrunde im Hamburger Fanprojekt, welches seinerzeit eigentlich nur beim Stadtrivalen aktiv war, und danach bin ich vom Geschäftsführer des Fanpojekts, Peter Koch, und vom damaligen Vizepräsidenten des Vereins, Christian Hinzpeter, gefragt worden, ob ich mir vorstellen konnte, im Rahmen eines ABM-Projekts Fanarbeit beim FC St. Pauli zu machen. Ohne zu wissen, was das überhaupt heißt, sagte ich zu und damit ging der ganze Schlamassel los. Da hatten sie den Bock zum Gärtner gemacht aber es gab kein Zurück mehr 😉

Wie war es dann die Meute auf einmal von außen zu sehen und zu betreuen?

Och, eigentlich gab es da, zumindest am Anfang, gar keinen großen Unterschied, denn die Fanarbeit kannte noch nicht so viele Regeln wie heute und war Lichtjahre von der Professionalisierung entfernt, wie man sie heute wahrnimmt. Eines der ersten Projekte war z.B., dass ich organisierte Auswärtsfahrten anbot und damals war es üblich, dass der Fanbeauftragte im weiteren Verlauf der Tour auch nicht selten der Waggonvollste war, man musste ja voran gehen. Nee, im Ernst, ich war weiterhin ein Teil der Gang, nur das ich den Gruppenfahrschein in der Tasche hatte. Heute alles unvorstellbar, aber die heutigen Probleme mit Polizei und anderem gab es damals ja so auch noch nicht. Andererseits hatte ich dennoch Verantwortung und musste dieser auch oft gerecht werden, indem ich bspw. Leuten in Notlagen geholfen habe. Hat aber alles meist sehr gut funktioniert.

Gab es Momente in denen du alles hinschmeißen wolltest?

Wie in jedem Job gab es sicher mal Momente, in denen man so gar keine Lust mehr hat, was unterschiedliche Gründe hatte. Aber zum Glück nie so konkret, dass es schon ein formuliertes Kündigungsschreiben gegeben hätte.

Wie hast du das Aufkommen der Ultras-Bewegung im Fußball und natürlich bei Pauli empfunden?

Zunächst einmal erfrischend. Bei uns war es ja so, dass wir 1996 die sog. „Singing Area“ auf den Sitzplätzen unter dem Dach der Gegengeraden eröffneten. Ein Bereich, der mit seinen 250 Plätzen gut geeignet schien, dem damaligen Stimmungstief im Stadion etwas entgegen zu setzen .Hat ja auch gut geklappt. Einzelne Leute aus dem Haufen interessierten sich dann zunehmend für die italienische Fankultur (während meine Generation ja noch eindeutig „britisch“ geprägt war) und daraus entwickelte sich dann mit der Zeit das, was als Ultra Sankt Pauli ab 2002 bekannt wurde. Für die Atmosphäre im Stadion war es jedenfalls bereichernd, gar keine Frage. Über andere Facetten der Ultrakultur kann man natürlich vortrefflich streiten.

Was waren für dich die schönsten Momente bei den Kiezkickern?

Ach, da gibt es so viele. Ganz abgesehen von spektakulären Spielen heim oder auswärts sind es aber eigentlich immer die zwischenmenschlichen Dinge, die einem Pipi in die Augen treiben. Wenn bspw. bei einer Saisonabschlussparty auf dem Vorplatz Leute ankommen, die man höchstens vom Sehen kennt, einem ein Bier in die Hand drücken und sich einfach nur für die Arbeit bedanken wollen, die man so macht. Das find ich immer toll und gibt mir mehr als bestimmte sportliche Ereignisse. Wenngleich ein Derbysieg oder 3 Punkte in Rostock vom Adrenalinfaktor her auch im hohen Alter noch eine ganz andere Nummer sind 😉

m_punk_photo_unknown_1988_25462

Unser Mannschaftsbetreuer Gilligan (Ex-St.Paulianer) gibt gerne damit an, dass er die Ramones vom Flughafen abgeholt hat. Gibt es ähnliche Geschichten die den kleinen Punker in dir zum Pogen bringen?

Sicher gibt es die. Viele sogar. Wobei die coolsten nicht in die Öffentlichkeit gehören. Aber da war ein Konzert mit Jello Biafra vor ca. 3 Jahren im Knust und ich erinnerte mich an ein altes schwarz-weiß Foto ,was ich noch von einem Konzert der Dead Kennedys 1984 hatte: Von der Bühne aus geschossen, ich mitten im Mob und Jello rücklings auf dem Pogomob liegend. Nun war ich nie ein Freund von Autogrammen und Widmungen (entspricht ja auch nicht unserer Grundideologie, dass alle gleich sind), aber an dem Tag bin ich zu Jello hin und zeigte ihm das Bild. Er war voll begeistert, wollte einen Abzug (den ich ihm dann auch geschickt habe) und schrieb mir etwas Nettes hinten drauf.

Ansonsten ist es immer wieder geil zu sehen, was aus vielen der alten Kumpel aus der Punkszene der 80er geworden ist. Viele trifft man heute in entscheidenden Positionen wieder, ganz oft im weiteren Kulturbereich, was nur zeigt, dass die damalige Punkbewegung sehr helle und kreative Köpfe anzog, die weit mehr wollten, als schnorrend und nach Kotze stinkend in ner Fußgängerzone rumzuhängen. Die aber oft auch heute noch die gleiche Mucke hören, untereinander vernetzt sind und halbwegs cool geblieben sind. Die größeren Konzerte alter Bands gleichen somit auch immer einem Familientreffen.

Wie ist es, als ehemaliger Chaostage-Punker, heute der Sicherheitsbeauftragte zu sein und die ganze Meute im Zaum halten zu müssen?

Von der Grundkonstellation her zunächst erstmal schräg, das gebe ich zu. Andererseits habe ich das Glück, die Perspektiven der heutigen Kids zumindest ansatzweise zu kennen. Denn während viele Kollegen bei anderen Clubs ja eine komplett andere Biografie haben und oft aus dem Secu-Gewerbe stammen, darf ich ja ohne zu lügen behaupten, dass ich mich noch recht gut an Situationen erinnere, die auch heutige Jugendliche erleben: körperliche Auseinandersetzungen mit Polizei oder anderen Fans, Demos usw. und aus dieser Erfahrung heraus mit das Recht nehme, dem ein oder anderen im Gespräch deutlich mitzuteilen, dass sein Weg geradewegs in die Scheiße führt, wenn er nicht langsam anfängt nachzudenken. Weil ich selbst mal auf dem Weg war. Nicht falsch verstehen: Ich bereue gar nichts, würde aber heute einige Dinge anders, überlegter, machen. Den meisten wird das Am Arsch vorbei gehen („was will denn der alte Sack von mir?“) aber wenn der ein oder andere sich das zu Herzen nimmt und mir glaubt, dann sind wir beide einen Schritt weiter.

Abschließende Worte an die Leser dieses Zines?

Seid nett und ehrlich zueinander, auch wenn man mal unterschiedlicher Meinung ist. Und heute leider aktueller wie nie zuvor: Bekämpft die Nazibrut auf allen Ebenen, denn wenn dieser Kampf verloren wird, dann ist alles andere nebensächlich.

 

Nochmal ein dickes Danke an Sven für das Interview, Punkfoto.de/Karl Nagel für die Bilder und auch an Mike „Spike“ Froidl  (das Bild kommt noch rein, ich find das Zine nich!).

0 Kommentare