DIE EINTRACHT

Zu irgendwas muss so ein Studium ja mal gut sein, wenn auch nur dazu ins Stadion zu gehen. Die erste und letzte Exkursion in meinem langen Studentendasein führte mich ins Stadion von Eintracht Braunschweig. Hintergrund war das Thema Fanarbeit im Kontext Sozialer Arbeit (jetzt hab ich mich geoutet!).

So begab ich mich also an einem sonnigen Dienstag auf den Weg zum Eintracht Stadion in der Hamburger Straße. Treffpunkt des ersten Tages war der Fan-Shop vor´m Stadion. Ich hatte das Stadion bisher nur einmal betreten, während einer Partie gegen Schalke. Ansonsten war ich, Regionalligabedingt, eher auf dem B-Platz wenn es gegen die Zweitvertretung des BTSV ging.

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Nachdem wir dem Maskottchen beim Kinder-Selfie-Shoot zusehen durften, wurden wir vom Fanbeauftragten Nils Burgdorf abgeholt. Erster Anlaufpunkt war der Presseraum im Stadion. Da wo Lieberknecht und Co sonst sitzen und sich den Medien stellen. Nach einer kurzen Aufwärmphase wurde es auch schnell konkret. Aufgaben und Handlungsbereiche eines Fanbeauftragten im Bundesligaalltag wurden uns näher gebracht. Wie funktioniert sowas allgemein, wie funktioniert es bei Eintracht?

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Da mir der Arbeitsbereich Fanbetreuung aus Goslar bekannt ist, konnte ich so manches Problem gut nachvollziehen. Es war auch interessant, dass Probleme dort natürlich eine andere Größenordnung haben, sich dennoch aber im Kern oft ähnelten. Vor allem die Vermittlung von Belangen der Fanszene gegenüber dem Verein und das Rechtfertigen von Handlungen die nicht zu verhindern waren kamen mir sehr bekannt vor. Wie Nils sagte: „wenn ein Bengalo gezündet wird, werden die 16 Mal vergessen an denen sie nicht gezündet wurden“.

Zur wohlverdienten Mittagspause ging es dann in die „Wahre Liebe“ am Stadion. Nach einer stabilen Currywurst mit Pommes in gemütlichem Ambiente wurden wir vom Vereins-Archivar zur Stadionführung abgeholt.

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In diesem Leben wird der BTSV wohl nicht mehr zu meinen Top-10 Vereinen werden. Aber die Führung hat mir die Faszination für Eintracht Braunschweig auf jeden Fall näher gebracht. Gegründet am 15.12.1895 entkamen sie, mit nur knapp 15 Tagen, dem gleichen Gründungsjahr wie Hannover. Sie waren Gründungsmitglied der Bundesliga und konnten 1969 die Meisterschaft holen. Über die Jägermeisterzeit gehen wir mal großzügig hinweg. Das Stadion ist eines der letzten mit Flutlichtmasten und Tartanbahn, außerdem ist es nutzbar für Großveranstaltungen. Es hat ca. 23.000 Plätze, davon allein 16.000 für Dauerkarten. Auch besonders: 10.675 Stehplätze!

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Der zweite Tag begann für mich etwas Später als für den Rest. Ich wusste das, dass Braunschweiger Fanprojekt sich am B-Platz, nahe der Nordkurve befindet. Unweit des Eingangs steht der Containerbau…natürlich in Blau-Gelb. Als ich ankam stellte Jörg Seidel, einer der zwei Vollzeitkräfte, grade alles vor. Das Zweistöckige Gebäude und das zugehörige Gelände bieten einen Veranstaltungsraum im Erdgeschoss und einen Seminarraum darüber. Ziel ist, wie bei jedem Fanprojekt, einen Anlaufpunkt zu bieten der auch außerhalb der Spieltage Möglichkeiten für die Fans bietet.

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Hier ging es dann auch mal konkreter um die Szene Braunschweig. Wie ist sie strukturiert, was für Fans gibt es, was sind Interessen und Belange? Dazu gesellte sich Robin Koppelmann vom Fanrat hinzu. Er opferte seine Mittagspause für uns und konnte uns in dieser [relativ] kurzen Zeit einen Eindruck seiner Arbeit und, vor allem, seines Fanseins näher bringen. Auch hier war schnell hör- und spürbar was Eintracht in der Stadt und der Region für manche*n bedeutet. Problematiken, wie der Umgang von Medien mit der Subkultur Ultra, oder einer generellen Stigmatisierung von Fußballfans stellten sich hier schnell als Schwerpunkt heraus.

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Nach einer kurzen Pause, diesmal Kaffee und Croissant statt Currywurst, hatte ich noch einmal Zeit für ein paar Bilder. So nah am Kurveneingang gelegen ist das Fanprojekt als zentraler Anlaufpunkt schon eine nette Sache.

Danach gab uns der Sicherheitsbeauftragte des BTSV noch einen Einblick in die „Willkommenskultur im Gastbereich“. Ein sehr umfangreiches Konzept um schon von Anfang an die Stimmung bei Gast- und Heimfans positiv zu gestalten. Ob Musik der Gäste am Bahnhof oder ordentliche Toiletten, hier wird geklotzt statt gekleckert. Schnell lag das Interesse der Anwesenden aber bei den letzten Niedersachsen-Derbys. Ist ja auch Interessant die Geschehnisse mal aus erster Hand erläutert zu bekommen.

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Was sich, des Weiteren, als Fazit herausstellte, ist die Tatsache, dass konflikthafte Fankontakte sich immer weiter vom Stadion entfernen oder auch in den Ligen weiter nach unten wandern. Das belegen nicht zuletzt Begebenheiten in Goslar beim Spiel gegen Osnabrück, oder der Fahnenklau beim Spiel Vahdet Braunschweig – Göttingen 05. Eine Entwicklung die auch durch Fanbetreuung und Fanprojekt nur schwer zu verhindern sind.

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Was blieb nach diesen zwei Tagen bei mir hängen? Mir ist Braunschweig etwas näher gekommen. Ich werde bei Spielen in Braunschweig auch weiterhin im Gästeblock stehen, aber ich konnte der Atmosphäre des Stadions und der Geschichte des Vereins etwas abgewinnen. Die Historie ist sicher eine Erklärung für „das Phänomen BTSV“.

Ich erinnere mich grad an eine zurückliegende Begegnung mit Braunschweig-Fans. Wir spielten in Hamburg gegen SC-Viktoria, Braunschweig zeitgleich gegen St. Pauli. Es war das Wochenende des Hafengeburtstags 2013. Der BTSV unterlag Pauli und sicherte somit den Klassenerhalt für die Millerntor-Piraten. Bei mir sorgte die Vorstellung mit betrunkenen Braunschweigern an der Hafentreppe abzuhängen nicht grad für Begeisterung, vor allem da sie verloren hatten. Als wir auf der Feiermeile ankamen waren auch nicht wenige Eintracht-Fans anwesend. Zu meinem Erstaunen kam ich aber mit vielen schnell ins Gespräch und es wurde wirklich ein angenehmer Abend. St.Pauli, Eintracht und dazwischen Goslar…alle feierten den Klassenerhalt auf´m Kiez.

Am Ende geht es halt um Fussball…und vielleicht auch Bier!

Ein Kommentar

  1. flox · Oktober 10, 2015

    Du vergaßt dass auch andere Fans in Hamburg anwesend waren. Selbes Gründungsjahr, aber andere Farben; es geht natürlich um den 1. FC Justus Jonas 95.